Jedes Bild bleibt eine Suche – zu Gast im Atelier von Marcel Kimble

Wie arbeitet eigentlich ein Künstler? Klischees dazu gibt es einige. Vor allem über den bildenden Künsten schwebt ein selbstkreierter Mythos. Warum entscheidet man sich als junger Mensch für diese Welt? Ich habe Maler Marcel Kimble in seinem Mainzer Atelier besucht, um über seine Arbeit zu sprechen.

April 2021. Über den kargen Hinterhof der ehemaligen Mainzer Waggonfabrik gelange ich zu einer Außentreppe und schließlich vor eine Metalltür. Marcel kommt mir schon entgegen. „Ich war mir nicht sicher, ob du’s gleich findest.“ Vor mir steht ein athletischer Mann, um die 30, mit runder Hornbrille, Bart und sympathischen Locken. Er trägt einen beigen Overall, dessen rechte Hosentasche von Farbklecksen gesäumt ist, und sandfarbene Espadrilles.

„Schön, dass du da bist.“ Marcel lächelt zurückhaltend. Ich folge ihm direkt in sein Atelier – ein heller Raum, der unterteilt wird in ein Lager, Ausstellungs- und Arbeitsfläche und eine Art Wohnzimmer, mit schwarzem Ledersofa, Theke und Waschbecken. In der Luft vibriert ein Hiphopbeat. Von den Wänden strahlen mir Farben entgegen.

„Es fing an mit einem Selbstportrait, in der 10. Klasse, also relativ spät“,

beginnt Marcel zu erzählen. Damals war er 16 Jahre alt. „Das Bild wurde ziemlich gehypet. Meine Lehrerin hat es dann bei einem Wettbewerb eingereicht. Es war schrecklich“, erinnert er sich schmunzelnd, „aber sie hat wohl irgendetwas darin gesehen.“ In den nächsten Jahren nimmt er selbstständig teil, immer erfolgreicher. Die Malerei erhält einen zentralen Stellenwert in seinem Leben. „Ich hatte zuerst keine konkreten Pläne, was das College angeht. Das Kunststudium war irgendwann naheliegend.“

Marcel lebte nicht immer in Mainz. Er wurde hier geboren. Als er zwölf Jahre alt ist, zieht es die Familie in die Heimat der Eltern, Texas – und genau zwölf Jahre später, nach seinem Studium, wieder zurück. Heute lebt er mit seiner Frau Verena in der rheinland-pfälzischen Hauptstadt. Das Atelier hat Marcel im Dezember 2019 bezogen. Über die Stadt Mainz kam er zu einem Stipendium – „glücklicherweise vor der Pandemie.“

Seine Kunden werden vor allem durch Mundpropaganda, Atelierbesuche und Instagram auf den Künstler aufmerksam. Davon kann er inzwischen leben. Als Englischdozent arbeite er lediglich zur Sicherheit.

Wie würde er seinen Stil in wenigen Worten beschreiben, frage ich Marcel. Er schaut hilfesuchend in die Gesichter, die uns von ihrem Platz an der Wand beobachten.

„Ein neuer, realistischer Zugang zu Portraits, aber auch viele abstrakte Elemente. Alles sehr urban, beeinflusst durch meinen Graffiti-Background“,

fasst er zusammen und fügt hinzu: „Wirklich festgelegt habe ich mich noch nicht.“ Jedes Bild sei eine Suche, und der Druck, einen Wiedererkennungswert zu schaffen, groß. Entsprechend herausfordernd gestalte sich sein Alltag. Manchmal sitze er einfach nur stundenlang vor seinen Bildern und mache sich Gedanken über deren Fertigstellung. Häufig sei sein Tag aber auch von ganz banalen Aufgaben bestimmt.

„Ich kümmere mich um meine Internetpräsenz, dann male ich vier bis fünf Stunden. Organisation, Einkauf, das kommt on top. Manchmal baue ich tagelang nur Leinwände.“

Ich frage Marcel, was die Coronapandemie für ihn verändert hat. Im Einzelhandel und in der Eventbranche liegen die Auswirkungen auf der Hand. Doch was macht der Lockdown mit Malern und Bildhauern? „Die Kunden sind extrem vorsichtig, was ihre Ausgaben betrifft“, betont Marcel, „besonders wenn es um Kunst geht.“ Während seine früheren Editionen schnell vergriffen gewesen seien, habe er bei der letzten ein deutliches Zögern gespürt. Überhaupt hätten ihn die letzten Monate herausgefordert.

„Ich musste mich entscheiden, ob ich weiterhin auf diesen Beruf setze – in dem Wissen, dass es noch schwieriger sein wird“, räumt Marcel ein. „Ich muss es ernster nehmen, strukturierter vorgehen, rund um die Uhr. Heute Nacht habe ich im Atelier geschlafen. Der Druck ist enorm groß.“

Wie plant er also für die Zukunft? Marcel verlässt sich nicht auf seinen bisherigen Erfolg. „Heute, gerade in Zeiten von Instagram, ist es wichtiger denn je, sein Bestes zu geben, sichtbar zu sein und zu hoffen, dass dich jemand entdeckt und deine Arbeit gut findet“, erklärt er mir. „Die Galerien sehen den ganzen Tag so viel. Die haben meistens schon ihre Auswahl getroffen. Ich muss also den Weg zu mir ebnen.“ 

Die digitale Präsenz zu stärken, gehöre heute zum Geschäft. Marcel ist darüber nicht begeistert. Ihm wäre es lieber, seine Werke könnten für sich stehen. Doch Klicks, Likes und Follower sind auch für Künstler zur wichtigen Währung geworden. Gleichzeitig, erzählt Marcel, kämpfe die neue Generation um Akzeptanz in der Szene.

„Da gelten wieder ganz andere Maßstäbe. Es geht nicht um Ästhetik, im Gegenteil. Der Betrachter muss sich an deiner Kunst stören.“

Doch an welches Publikum soll sich ein Künstler richten? Und widerspricht es nicht der Idee von Kunst, einem Dritten gerecht werden zu wollen? Marcel weiß darauf keine klare Antwort. Es gibt keine. Wie viele Künstler befindet er sich in einem Dilemma. Kommerziellen Erfolg und fachliche Anerkennung zu vereinbaren, das ist eine Kunst für sich. Und so bleibt Marcels Arbeit vor allem eines: eine Suche.

Mehr zu Marcel Kimble: https://marcelkimble.com/